Kultur Shock!
06.07.2003

[von: le-nightflight.de/]

Radio Globalistic
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Kultur Shock!
06. Juli 2003
Gießer 16 Leipzig


Originalbericht mit vielen Fotos

‚Kultur Shock’ schockieren mit einer außergewöhnlichen Mischung an kultureller Vielfalt höchstens die Gesellschaft, die von sich nur glaubt, kultiviert zu sein.
 
Eigentlich geht das gar nicht. Vernünftigerweise müsste man sagen, so etwas ist ganz und gar unrealistisch, eine Truppe von US-Immigranten aus Bosnien und Bulgarien schließen sich mit Japanern und Amerikanern zusammen, um in Seattle eine Band zu gründen. Es war ein Spaß, und begann schnell, sich zu verselbständigen. Der Spaß am Projekt aber trieb die Sache voran.
 
Und wenn es dann also doch passiert ist, die Musiker haben sich friedlich zusammengefunden, müsste es eigentlich an der verrückten Idee scheitern, sämtliche, wirklich sämtliche Stile und Einflüsse vom Punk, Ska, Heavy, Jazz, Latin mit Gipsy Musik, mit Folklore aller Herren Länder in einer Musik zu vereinen. Man stelle sich dieses babylonische Gewirr vor! Na gut, sie seien so verrückt und täten es, aber wer sollte sich das anhören? In der Gießer 16 wird das Unmögliche möglich. Der Hinterhof des verfallenen Industriegeländes ist rappelvoll mit vorwiegend jungen Leuten. Die meisten unter ihnen sind Punks, .....oder so. Man sieht das ja gleich an der unglaublichen Kleidung! Solche eben, vor denen sich der ‚Kultur’-Bürger vorsieht, man weiß ja nie! Sie sind aufgeschlossen, neugierig, lebensgierig genug, sich für ein Event zu interessieren, das mal wieder zu den außergewöhnlichen Ereignissen abseits des Üblichen, Gewohnten zählt. ‚Kultur Shock’ ist ein kulturell so vielschichtiges und in seiner Umsetzung so gelungenes, stimmiges Projekt, dass es ein Muss für alle wirklich an Kultur interessierten Menschen gewesen wäre.
 
Gino Srdjan Yevdjevych sang mit durchdringender und auch eindringlicher Stimme, sang in englisch, kroatisch, serbisch, bosnisch, rumänisch, bulgarisch. Es gab keine Grenzen und auch keinen einzigen Bruch, nicht sprachlich und nicht musikalisch. Volksliedhafte Weisen oder Zigeunerklänge gehörten mit der größten Natürlichkeit zum Ska, zum Heavy, zum Punk. Die Stile wechselten oder verschmolzen miteinander wie die Gefühlswelten. Womit bewiesen wäre, es gibt keine Grenzen, that’s all music, that’s all live. Abgrenzungen gibt es höchstens in den Köpfen. Und sie sind so irrational wie einfältig. Sicher, ein solches Experiment kann auch schief gehen, wenn man’s nicht kann. Dass nun nicht tatsächlich ein babylonisches Sprach- und Musikgewirr entstand, ist dem Können, der Erfahrungen und den Einflüsse, der Aufgeschlossenheit der Akteure zu verdanken und der Tiefgründigkeit, mit der sie Musik machen. Anfang der Neunziger war Gino maßgeblich an einer Neuinszenierung des Musicals „Hair“ beteiligt. Es lief damals in Sarajevo unter dem Titel „Hair: Sarajevo , A.D. 1992“ drei Jahre lang. Auch die anderen Bandmitglieder sind erfahrene Musiker. Durch Krieg und Flüchtlingslager, politische Umbrüche wurden einige von ihnen geprägt. Ihre Haltung und ihre Aussage ist auch daher nicht nur als Spaß zu verstehen. Aber wichtig ist für sie immer der Humor und Optimismus.
 
Die Band war übrigens auf dem Dach eines Schuppens postiert. Während es im Hof noch taghell war, spielten Masa Kubayashi (Bass), Val Kiossovski und Mario Butkovich (Gitarre), Borislav Iochev (Schlagzeug), Amy Denio (Altsaxophon, Gesang) und Gino Srdjan Yevdjevich (Gesang) im Finsteren, bis nach der ersten Hälfte des Konzertes ein Scheinwerfer gefunden war, der für Licht und ein wenig Atmosphäre sorgte. Die bunte Kultur der Musik setzte sich auch auf dem Hof in einem bunten Treiben fort. Verführerische, kleine exotische Köstlichkeiten wurden an einem Stand angeboten. Kleine Kinder turnten und flitzten umher. Mehrere Hunde hatten etwas von sozialem Verhalten untereinander zu lernen. Die interessantesten Sitzmöbelkreationen standen zur Nutzung zur Verfügung. Und mit der Dämmerung wurde in einer hübschen Schrottinstallation ein loderndes Feuer veranstaltet. Auch einen Fernseher gab es. Aber der wurde nur von einem Hund mit Missachtung gestraft. Intelligentes Tier!
 
pepe

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