Panteon Rococo
19.06.2003

[von: le-nightflight.de/]

Radio Globalistic
Radio Globalistic

Panteon Rococo
19. Juni 2003
Tangofabrik Leipzig


Originalbericht mit vielen Fotos

Auch Deutschland kennt hervorragende Ska Bands, die mit einer super Musik, fetten Bläsersätzen, einer perfekten Show ihre Fans abkochen und auf ihren Konzerten großartige Partys veranstalten. Warum scheint das alles nur halb so wichtig, wenn die Lateinamerikaner uns zeigen, wie man Ska feiert? Warum haut es einem bei ‚Panteón Rococó’ fast die Ohren vom Stamm, pustet einen die Druckwelle aus den Lautsprechern fast um, aber man fühlt sich immer noch wohl und in schönster Stimmung? Nicht genug kann man aufsaugen von dieser gigantischen Musik. Bis zum umfallen tanzen. Eine ausverkaufte Tangofabrik geriet nahezu in Extase, tobte und schwitzte bis zur Erschöpfung. Was haben Bands wie ‚Sekta Core’, ‚La Matatenda’ (Mexico), ‘La Vela Puerca’ (Urugay) oder ‘Panteón Rococó’ den deutschen Musikern voraus?
 
Na klar, Lateinamerika - das klingt verheißungsvoll exotisch, nach Sonne, Hitze, heißer Musik, Energie und Spannung. Da muss man einfach super drauf sein. Das ist von wetterbedingt latent depressionsgefährdeten Mitteleuropäern nicht zu leisten. Und tatsächlich?
 
Sie hatten uns einen Dokumentarfilm über Mexiko City mitgebracht, informativ und spannend aber auch bedrückend. Unmittelbar vor dem Konzert stellten sie diesen Streifen über den Background der Band, über ihr Engagement in dem 1996 von ihnen gegründeten Kulturzentrum und natürlich auch über ihren musikalischen Weg. vor. Alleine für diesen sechzigminütigen Film von Sarah Möckel und Stefan Schulte hätte sich der Eintrittspreis von 6,- EUR gelohnt. Das Leben in Mexiko City ist hart. Mit undankbaren Jobs versucht man sich über Wasser zu halten. Große Ansprüche braucht man besser nicht zu haben, nicht wenn man zum ganz normalen Volk gehört. Freizeitmöglichkeiten gibt es keine. Viele der Einwohner hatten noch nie die Gelegenheit, die Welt außerhalb ihrer Stadtgrenzen kennen zu lernen. In dieser Umgebung kann man versuchen, bescheiden zu bleiben und sich fleißig und tapfer durchs Leben kämpfen. Man kann kriminell werden, oder versuchen auszuwandern. Oder man macht Musik voller Kraft und auch voller Wut. Macht sich mit kritischen Texten bei der Regierung verdächtig und avanciert bei den Landsleuten innerhalb kurzer Zeit zum Helden.
 
‚Panteón Rococó’ gründeten sich 1995. Das Zocalo-Festival in Mexico-City 1996 brachte ihnen schon wenige Monate später den Hyp. Seither entwickelte sich die Karriere der Band steil. Während ihrer diesjährigen Europa Tournee machten sie nun in Leipzigs Tangofabrik halt. Eine wichtige Ursache ihres Erfolges ist ohne Frage die Verbundenheit zu ihrem Land und zu den Menschen in Mexico City. Für sie machen sie ihre Musik, die Kraft und Courage gibt, die aber auch Spaß macht und vergessen lässt. Für diese Menschen engagieren sie sich hautnah in dem von ihnen gegründeten Kulturzentrum, in dem unter anderem handwerkliche Arbeitszirkel und Musikgruppen gefördert werden, Vorträge gehalten werden und ausgebildet wird. Viele junge Leute haben hier eine Alternative gefunden.
 
Musikmachen hat bei ihnen nicht nur einen Spaß-Faktor. Mit Wut und Sarkasmus packen sie stellvertretend für ihre Fans knall hart den Ärger über Ungerechtigkeit, Missstände, Armut in ihre Texte und schleudern ihn mit irren Rhythmen, unbeschreiblichem Sound und übernatürlicher Energie in den Raum. Die stilistischen Vielseitigkeit ihrer Titel ist gerade für Lateinamerikanischen Ska Bands typisch und zeigt, wie viel tiefer man hier mit den Wurzeln der eigenen Musiktraditionen verbunden ist und wie viel ehrlicher mit Folklore umgegangen wird. Zwischen ruhigen, teilweise fast romantischen Parts schon schlager- oder volksliedhaft und lautem, agressiven Ska entwickeln sich Spannungen, die schließlich in nicht nachvollziehbaren Tempi oder ohrenbetäubenden Finalen entladen werden müssen. Auch Reggae, rockige Riffs, Hardcore Rhythmen und Punk finden Einzug in die Musik der elfköpfigen Band. So erhält jeder Song seinen eigenen rhythmischen Akzent, seinen ganz speziellen Charakter und strotz bei aller Dynamik und Kraft vor mitreißenden und eingängigen Melodien. Hervorragende Instrumentalisten und Sänger sind sie ohnehin. Ihr Durchhaltevermögen, ihre Freude und ihr Humor scheinen grenzenlos zu sein. Ihr Publikum in der Tangofabrik liebte sie dafür und ließ sich freimütig von ihnen dirigieren nach unten, nach unten, nach oben, nach oben und springen, springen, springen, springen, springen, sprin................ Ohne etliche ausgiebige Zugaben hätte es diesmal wahrscheinlich Tote gegeben. Die Fans trampelten und schrieen in ungeahnter Vehemenz nach mehr.
 
Es ist wahrscheinlich, dass einige der Anwesenden seither von einer heftigen Sucht befallen sind. Diejenigen, die in Leipzig nicht dabei sein konnten, werden möglicherweise spätestens nach diesem Konzertbericht von Kram befallen sein. Für alle aber gibt es Linderung. Und die heißt zum Beispiel „companer@s musicales“.
 
pepe

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05.11.2004