Radio Globalistic

CD-Review

CD-Cover  

NOMADA
Label: www.creativecommons.org
Veröffentlichungsdatum: Januar 2007

Alle für einen! Seit kurzem könnt ihr euch, ganz frei und ohne rechtliche Bedenken dreizehn Remixe der ungarischen Gypsy Band Nomada herunterladen. Dieses erste freie Remix-Album Ungarns ist eine Aktion der Band selber, des nichtkommerziellen Senders Tilos Rádió und Creative Commons Ungarn. Platten, die ihre eigenen Wege in Richtung Gypsy-Clubsounds gehen, sind in Ungarn nix neues. Die Frühwerke von Anima Sound System (Anima, Gypsy Soundclash) machten mit wegweisenden und zeitlosen Grooves ein neues Feld der World Music aus.

Etwas Geschichte
Bereits 2002 sticht ein Sampler unter dem Titel Etchno hervor, das Klangfeld, Dub, Bass und Volkstanz mit einer eigenen Herangehensweise an ungarische und Zigeunerfolklore verbindet. Das Ergebnis sind absolut schräge Dancefloorfiller, ursprünglich geschrieben als Soundtrack für ein Tanztheaterstück. Ein Jahr später kam dann der Nachfolger „Romano Trip“ raus, auf dem sich eine Reihe von Künstlern und Projekten des pulsierenden Budapester Undergrounds daran wagt, die Könige der ungarischen Gypsy-Roots-Musik Romano Drom zu remixen. Ergebnis wie oben beschrieben, und wieder typisch budapestig-frech, aber auf vorderem Produktionsniveau, Klischees werden – im Gegensatz zum heutigen Balkan-Hype! – nicht zugelassen!

Elektro-Folklore im Dornröschenschlaf
Leider, leider gab es zu den beiden Samplern keinen Follow up. Überhaupt ist der Budapester Underground in Sachen Elektro-Folklore-Mixturen merklich ruhig geworden. Die Stadt hat weiterhin eine lebendige Clubkultur, besonders im Breakbeatbereich, aber die Protagonisten bewegen sich in den Stilnischen, von einem Erik Sumo mal abgesehen. Auch das letztjährige Anima-Album „We strike!“ ist eher wässrig, eskapistisch.

Remixe von Homies und Profis
Das Vakuum wird aber jetzt durch den frei downloadbaren Internetsampler von Nomada gelüftet. Auf dem Sampler finden sich dreizehn Remixe ein? und desselben Songs der Band Nomada „Aven le Roma“. Vorangegangen ist der Veröffentlichung ein Wettbewerb, ausgeschrieben unter der Internetcommunity. Eine Reihe von Leuten – und nicht nur Ungaren – haben losgelegt. Darunter sind wenige bekannte Namen, man kann also annehmen, es sind vor allem „Homies“, die aus Lust und Laune die Chance genutzt haben, eine richtige Band zu remixen. Das Angebot war in dem Falle verlockend, da die Band Nomada alle Spuren ihres Songs in höchster Qualität online gestellt hat – Gesang, Violine, Gitarre, Snares, Bass, Wasserkanne usw. Ein Fundus! Auch eine Einladung auch an Djs, denn wann bekommt man schon mal den treibenden, dumpfen Rhythmus einer Wasserkanne zur Verfügung!

Die Jury
Die Auswahl aus den eingereichten Songs traf eine Jury bestehend aus dem Granddaddy des Budapester Dj-Undergrounds Dj Palotai, der Sängerin Monika Miczura (bekannt durch ihr Projekt Mitsoura und ihre Ausnahmestimme) und Gusztav Balogh (Nomada) sowie dem Jazzpianisten Bela Szakcsi-Lakatos. Und 13 Mixe wurden ausgewählt und zum online Album gepackt. All die anderen Mixe sind ebenfalls abrufbar – ein hohes Maß an Offenheit also.

Hammerteile
Unter den Mixen finden sich mindestens vier richtige Hammerteile! Die rechtfertigen allein den ganzen Sampler. Gerade mit Balkan-Elektro-Geschichten wird man aktuell überschwemmt, vieles ist gut produziert, aber nicht wirklich cool und innovativ. Aber mit guten Produktionen im Schnittfeld ist das ohnehin so eine eigene Sache, Stichwort Eskapismus: Entweder läuft es auf Balkan? oder Russendiskos, aber im serious club life haben viele Nummer keine Chance. Zwei Tracks des Nomada-Remix-Samplers rotieren aber mittlerweile gut in den Clubs an der Donau-Metropole: Nummer 10 von Tshabee, sensationeller sieben Minuten Junglemix, mit zwei Hammerbreaks, das Geigensample bohrt sich in die Ohren und bei Gusztavs Gesang liegt sich die Crowd in den Armen. Absolut moderne Gypsymusik! Und Track 13 kommt von den nicht ganz unbekannten reCord, die bereits mehrfach auf dem ungarischen Breakbeat-Label Chi Recordings veröffentlich haben. Ihr Remix geht eine herrlich dubbige, perkussive Breakbeatrichtung, mit feinen Scratchings und Samples an den richtigen Ecken. Track 3 ist eine anonyme Produktion, aber das trashigste Stück auf dem Sampler, ein genialer, schräger mustbe Hit für alle Balkanparties meine ich mal, noch dazu grandios und innovativ produziert. Irgendwie erinnert mich der Charakter an Tracks des ungarischen Acts Dj Titusz. Experimentell, aber sehr euphorisch ist die Nummer 8 – remixed by Kovács Jenci – wird hier mit Sound und Gypsy Roots Rhythmen gespielt, eine kleine Reise durch den 8ten Bezirk in Budapest, mit Handwerkern, Leuten vor den Kneipen, Hochzeitsmelodien spielen auf, aber schliesslich geht alles unter im Chaos und Getriebensein der Großstadt. Ganz old school kommt der Abschlusstrack von Blade daher – ein supergesetzter Breakbeat mit majestätischen Soundflächen und eindringlichen Bass – leider nutzt blade die Samples von Nomada nur als Beiwerk, wenn er auch versucht mit dem Original-Gesang den Ravefloor abheben zu lassen. Gut finde ich auch Nummer 11 mit dem frechen Schlagzeugspiel. Den restlichen Tracks fehlt meiner Meinung nach die überzeugende Note, teilweise sind die Produktionen, typisch balkan-elektro, auch etwas chaotisch, aber das ist auch egal. Die Aktion zählt und macht zehntausendmal mehr Spass als der Copyright-Kreuzzug

Diese Rezension wurde radioglobalistic freundlicherweise von abvmob.de überlassen!

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28.03.2006